Autos auf Busspuren halten die Öffis auf


Rund 200 Millionen Fahrgäste sind jährlich mit fast 130 Buslinien unterwegs. Die Bevorrangung hat für den Öffi-Betreiber deshalb oberste Priorität. Eigene Busspuren sind, so wie auch eigenständige Gleiskörper, für das schnelle Weiterkommen der Fahrgäste sowie das Einhalten der Intervalle unabdingbar.

Um dies auch weiterhin gewährleisten zu können, sprechen sich die Wiener Linien gegen eine Öffnung der Busspuren für E-Autos aus. Denn dadurch wird auch die Bevorzugung der Busse bei Ampeln nicht mehr möglich sein.

Wiener-Linien-Geschäftsführer Günter Steinbauer betont: „Die Wiener Linien sind keinesfalls gegen E-Mobilität, denn unsere Flotte ist bereits zu 80 Prozent rein elektrisch und damit abgasfrei unterwegs. Wer emissionsfrei in Wien unterwegs sein möchte, der steigt auf die Öffis um und nicht ins E-Auto ein. Autos, egal mit welchem Antrieb sie ausgestattet sind, sorgen auf den Busspuren für Verzögerungen und machen den öffentlichen Verkehr langsamer. Diese Verzögerungen führen zu einem Zeitverlust bei den Fahrgästen und in weiterer Folge zu einem Umstieg von den Öffis auf das Auto. Und genau das wollen weder wir, noch die Stadt Wien.“

Und der Vergleich macht sicher: Während in einem Gelenkbus 100 Menschen und mehr Platz finden, sitzen in einem Auto gerade einmal 1,2 Personen. Das gilt auch für E-Autos. Es bräuchte also mehr als 80 Fahrzeuge, damit 100 Menschen ihr Ziel erreichen.In einer wachsenden Stadt wie Wien fehlt für diese Entwicklung allerdings der Platz. Die Fläche ist begrenzt und der öffentliche Verkehr nutzt diese Fläche bis zu 20-Mal effizienter als der Autoverkehr. „Wer Umwelt und Klima schützen möchte, fährt öffentlich“, so Steinbauer abschließend.

Einige fachliche Anmerkungen von Wiener-Linien-Geschäftsführer Günter Steinbauer zum Plan, Busspuren für E-Autos zu öffnen:

Wer in Wien emissionsfreie E-Mobilität nutzen möchte, der steigt auf die Öffis um und nicht ins E-Auto ein. 80 Prozent unserer Fahrgäste sind mit U-Bahnen, Straßenbahnen und Elektrobussen rein elektrisch und abgasfrei unterwegs.

Wer von umweltfreundlicher Mobilität spricht, muss über den weiteren Ausbau von und den Vorrang für den öffentlichen Verkehr reden. Da schafft das als Heilsbringer postulierte E-Auto keine Abhilfe. Die Öffnung von Busspuren für E-Autos wäre ein Rückschritt für nachhaltige Mobilität in Städten. Warum?

Ein Gelenkbus der Wiener Linien befördert 100 und mehr Menschen umweltfreundlich von A nach B. Bei einer durchschnittlichen Besetzung von 1,2 Personen je Pkw braucht es dafür über 80 Autos.

Es ist egal, ob der Pkw mit herkömmlichem Motor oder E-Antrieb unterwegs ist. Es fehlt schlicht der Platz, den diese Autos brauchen. Der Verkehr ist einer der Klimasünder. Der Trend zur Urbanisierung führt zu wachsenden Städten und mehr Verkehr. Nur eines bleibt gleich: Die verfügbare Fläche für Verkehr, Wohnen, Industrie et cetera ist begrenzt. Umso wichtiger ist es, diese möglichst effizient zu nutzen. Der öffentliche Verkehr nutzt Fläche bis zu 20-mal effizienter als der Pkw.

Ein Gedankenspiel: Würden alle Wiener ihre Wege mit den Öffis zurücklegen, könnte man rund 500 Hektar Fläche gewinnen. Das entspricht etwa 700 Fußballfeldern, die man für Grünflächen, Parks, Spielplätze oder zum Flanieren nutzen könnte.

Öffentlicher Verkehr ist ein wesentlicher Beitrag für Umwelt- und Klimaschutz. Und damit auch für die Lebensqualität in Städten wie Wien. Wer auf die Öffis umsteigt, spart bis zu 1500 Kilogramm CO2-Emissionen pro Jahr. Das entspricht 8300 gefahrenen Pkw-Kilometern – etwa der Entfernung von Wien nach Johannesburg.

Ein Mittel, den öffentlichen Verkehr zu stärken, sind Busspuren. Sie ermöglichen ein rasches Vorankommen im Verkehr – wie "busfreundliche" Ampelschaltungen. Sie ermöglichen eine schnelle Weiterfahrt im Kreuzungsbereich, damit sich Busse nicht hinter der Autokolonne einreihen müssen. Diese "grüne Welle" sorgt dafür, dass Intervalle eingehalten werden und Fahrgäste pünktlich ans Ziel kommen.

Die Rechnung ist einfach: Je mehr Autos – egal ob mit Elektroantrieb oder nicht – auf der Busspur unterwegs sind, desto langsamer wird der öffentliche Verkehr. Und desto teurer. Es braucht zusätzliche Fahrzeuge und mehr Personal, um dichte Intervalle zu halten – die Kosten steigen. Beides macht öffentlichen Verkehr unattraktiver.

Knapp eine Milliarde Fahrgäste nutzen die Wiener Öffis jährlich. Tendenz steigend – auch dank Beschleunigungsmaßnahmen wie Busspuren. Um noch mehr Menschen für die umweltfreundlichen Öffis zu gewinnen, brauchen Busse und Straßenbahnen Vorrang gegenüber dem Pkw. Sonst steigen bald wieder mehr Menschen von den Öffis auf den Pkw um und sorgen so für mehr Stau und mehr CO2-Emissionen. Über nicht erreichte Klimaziele braucht sich dann keiner mehr zu wundern. 

Der Text wurde am 8. Oktober 2018 im Standard in der Rubrik "Kommentare der anderen" sowie auf derstandard.at/2000088851958/E-Autos-auf-Busspuren-sind-kontraproduktiv veröffentlicht.